Messie-Wohnung: Hilfe für Angehörige
Was Angehörige tun können, wenn die Wohnung eines Familienmitglieds vermüllt ist: richtig ansprechen, Hilfe in Essen finden, Rechte des Vermieters kennen.
Die Wohnung der Mutter ist kaum noch begehbar. Der Bruder lässt seit Monaten niemanden mehr herein. Oder Sie stehen als Betreuerin oder Betreuer vor Räumen, die bis unter die Decke gefüllt sind. Viele Angehörige schwanken dann zwischen Sorge, Scham und dem Wunsch, sofort alles auszuräumen. Dieser Ratgeber erklärt, was hinter dem Zustand stecken kann, wie Sie das Gespräch suchen und welche Stellen in Essen weiterhelfen. Zum Begriff: Wir schreiben „Messie“, weil so gesucht wird. Fachleute sprechen von pathologischem Horten.
Was bedeutet „Messie“ eigentlich?
„Messie“ ist ein Alltagswort, abgeleitet vom englischen „mess“ für Durcheinander. Fachleute sprechen von pathologischem Horten. In der internationalen Klassifikation ICD-11 ist es unter dem Code 6B24 als eigene Erkrankung erfasst. Gemeint sind Menschen, die übermäßig viele Dinge ansammeln und sich kaum davon trennen können, bis die Wohnung nicht mehr normal nutzbar ist.
Für die Diagnose nach ICD-11 kommt es auf drei Punkte an:
- Dinge werden übermäßig erworben, oder es fällt sehr schwer, sich von ihnen zu trennen, unabhängig von ihrem tatsächlichen Wert.
- Die Ansammlung schränkt die Nutzung und Sicherheit der Wohnräume ein.
- Der Zustand verursacht deutliches Leiden oder Probleme in Familie, Beruf oder Alltag.
Studien schätzen, dass bis zu 4,6 Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Für Betroffene haben die Gegenstände oft eine wichtige Funktion. Sie vermitteln Sicherheit und Geborgenheit, während Wegwerfen Angst oder Anspannung auslöst. Das erklärt, warum gut gemeinte Appelle selten etwas ändern.
Ist jede vermüllte Wohnung eine Messie-Wohnung?
Nein. Beim pathologischen Horten werden Dinge aktiv gesammelt und bewusst behalten. Davon unterscheiden Fachleute das Vermüllungssyndrom, bei dem sich Abfall eher passiv anhäuft, weil sich jemand stark vernachlässigt. Auch eine Depression oder eine Demenz kann dazu führen, dass eine Wohnung verwahrlost, ohne dass ein Sammeldrang dahintersteht.
Für Angehörige ist diese Unterscheidung wichtig. Liegen vor allem Essensreste, Verpackungen und Müll herum und wirkt die Person erschöpft, verwirrt oder antriebslos, sollte zuerst ärztlich geklärt werden, was dahintersteckt. Eine Diagnose stellen nur Ärztinnen, Ärzte oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten.
Wie sprechen Sie einen betroffenen Angehörigen an?
Ruhig, ohne Vorwürfe und mit dem Blick auf den Menschen statt auf die Wohnung. Sagen Sie, dass Ihnen Gesundheit und Wohlergehen am Herzen liegen. Fragen Sie, wie es ihr oder ihm mit der Situation geht. Und machen Sie deutlich, dass niemand gezwungen wird, von heute auf morgen alles wegzugeben.
Viele Betroffene schämen sich stark und reagieren auf Druck mit Rückzug. Gesundheitsportale und Fachgesellschaften raten daher zu folgendem Vorgehen:
- Zuhören, ohne zu werten.
- Kleine, realistische Ziele vereinbaren statt eines großen Plans.
- Gemeinsam einen ersten Termin in der Hausarztpraxis ins Auge fassen.
- Nicht ständig ermahnen. Wiederholte Appelle führen nicht zum Ziel.
- Nicht heimlich aufräumen. Das überdeckt das Problem nur für kurze Zeit.
Rechnen Sie damit, dass ein Gespräch nicht reicht. Viele Betroffene erleben ihr Sammeln lange nicht als Problem, weil es ihnen zunächst gute Gefühle gibt. Die Bereitschaft, etwas zu ändern, wächst oft erst mit der Zeit.
Welche Hilfe gibt es für Betroffene und Angehörige?
Erste Anlaufstelle ist meist die Hausarztpraxis. Dort lassen sich körperliche Ursachen prüfen und weitere Schritte besprechen. Als Behandlung der Wahl gilt eine kognitive Verhaltenstherapie mit Programmen speziell für pathologisches Horten. Daneben unterstützen Selbsthilfegruppen und der Sozialpsychiatrische Dienst, und zwar ausdrücklich auch Angehörige.
Die wichtigsten Anlaufstellen im Überblick:
- Psychotherapie: In der kognitiven Verhaltenstherapie geht es um die Bindung an Gegenstände, um Überzeugungen rund ums Wegwerfen und um schrittweises Üben, oft mit Hausbesuchen. Angehörige können in Absprache mit der Therapeutin oder dem Therapeuten begleiten.
- Sozialpsychiatrischer Dienst der Stadt Essen: Das Team aus Ärzten und Sozialarbeitern im Gesundheitsamt berät Erwachsene mit psychischen Erkrankungen sowie Angehörige und andere Bezugspersonen. Gespräche finden im Gesundheitsamt oder zu Hause statt. Termine werden vorab telefonisch vereinbart.
- Selbsthilfe: WIESE e.V. ist in Essen die Beratungsstelle für Selbsthilfegruppen und hilft bei der Suche nach einer passenden Gruppe. Bundesweit informiert die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen über Angebote für Betroffene und Angehörige.
Aktuelle Kontaktdaten und Sprechzeiten finden Sie auf essen.de und wiesenetz.de. Besteht akute Gefahr für Leib und Leben, wählen Sie den Notruf 112. Außerhalb der Sprechzeiten erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117.
Was droht, wenn der Vermieter von der Wohnung erfährt?
Unordnung allein ist nach der Rechtsprechung kein Kündigungsgrund. Kritisch wird es, wenn die Wohnung erheblich gefährdet ist, etwa durch Ungeziefer, Gestank im Treppenhaus oder Brandgefahr. Dann kann der Vermieter nach § 543 BGB fristlos kündigen. In der Regel muss er vorher abmahnen und eine Frist zur Abhilfe setzen.
Eine Abmahnung ist also ein ernstes Signal, lässt aber meist noch Zeit. Wer in dieser Frist die Gefahrenquellen beseitigt, also verdorbene Lebensmittel, Abfall und Ungeziefer, nimmt dem Vermieter den wichtigsten Grund. Lassen Sie sich im Einzelfall vom Mieterverein oder einer Anwaltskanzlei beraten. Dieser Text ersetzt keine Rechtsberatung.
Wann ist eine Räumung sinnvoll?
Wenn die betroffene Person einverstanden ist, wenn Gefahr für Gesundheit oder Wohnung besteht oder wenn die Räumung Teil eines Behandlungsplans ist. Ohne Einverständnis wird es schwierig. Fachleute warnen, dass große Aufräumaktionen ohne Absprache als massiv belastend oder sogar traumatisch erlebt werden und häufig zu Rückfällen führen.
Praktisch bedeutet das:
- Vorher gemeinsam klären, was bleiben soll. Die betroffene Person entscheidet mit, auch wenn das länger dauert.
- Mit einem Raum oder einer akuten Gefahrenquelle beginnen, zum Beispiel Küche, Bad oder Fluchtweg.
- Dokumente, Fotos und persönliche Erinnerungsstücke getrennt sichern.
- Die Räumung möglichst mit der Therapie abstimmen.
Ohne Behandlung füllen sich geräumte Räume sehr wahrscheinlich wieder. Eine Räumung schafft Platz und Sicherheit. Die Ursache beseitigt sie nicht.
Wie kann eine Entrümpelungsfirma unterstützen?
Sie übernimmt die körperliche Arbeit: sortieren, tragen, entsorgen und die Wohnung besenrein übergeben. Bei einer Messie-Wohnung zählen Diskretion und klare Absprachen. Der Entrümpeltrupp NRW kommt mit neutralen Fahrzeugen, sortiert Dokumente, Geld und Erinnerungsstücke aus und übergibt sie gesammelt. Wie das bei uns abläuft, steht auf der Seite Messie-Wohnung räumen. Eine Räumung ersetzt aber keine Behandlung.
Quellen
Häufige Fragen
Darf ich die Wohnung meiner Eltern ohne deren Zustimmung entrümpeln?
Grundsätzlich nicht. Erwachsene entscheiden selbst über ihre Wohnung und ihren Besitz. Dazu kommt: Ungefragte Räumungen werden oft als sehr belastend erlebt, und die Wohnung füllt sich häufig wieder.
Ist pathologisches Horten behandelbar?
Ja, als Behandlung der Wahl gilt eine kognitive Verhaltenstherapie mit Programmen speziell für pathologisches Horten. Wie gut sie wirkt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Eine Garantie gibt es nicht.
Wo finden Angehörige in Essen Unterstützung?
Der Sozialpsychiatrische Dienst im Gesundheitsamt der Stadt Essen berät auch Angehörige, im Amt oder zu Hause. Für Selbsthilfegruppen ist WIESE e.V. die Anlaufstelle in Essen.
Kann der Vermieter wegen einer Messie-Wohnung kündigen?
Unordnung allein reicht nicht. Eine fristlose Kündigung kommt in Betracht, wenn die Wohnung erheblich gefährdet ist, etwa durch Ungeziefer, Gestank oder Brandgefahr. In der Regel muss der Vermieter vorher abmahnen und eine Frist setzen.
